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Dem Erde-Machen zuschauen

„Konzepte sind da, um über Bord geworfen zu werden“, sagt der Konzeptkünstler Lois Weinberger, der sich durchaus vorstellen könnte, mit seiner Partnerin Franziska nach Tirol zurückzukehren.

Sie hatten die große Ehre, Österreich im vergangenen Jahr – neben Dorit Margreiter und Elke Krystufek – bei der Biennale von Venedig offiziell zu vertreten. Inklusive weltweiter medialer Beachtung. Hat Venedig Ihr Leben als Künstler verändert?

Lois Weinberger: Unsere Arbeit geht weiter wie seit der documenta 1997, nach der eine große Veränderung in der Rezeption meiner Arbeit stattfand. Eine Biennale-Beteiligung ist aber eine weitere Bestätigung für die Sammler, Kuratoren und Museen. Vielleicht haben Einladungen etwa zur Ausstellung „La Vie“ im Institut d’art contemporain in Villeurbanne oder zu einer großen Museumsausstellung in Frankreich dieses Jahr indirekt mit der Biennale zu tun. Des Weiteren werden nächstes Jahr ein umfangreicher monografischer Katalog und ein Künstlerbuch erscheinen.

Sie lieben es, die Kunst sich selbst zu überlassen, das Menschenwerk der Natur sozusagen zurückzugeben. Was auch Teil der Präsentation in Venedig war.

Lois Weinberger: Tatsächlich hat hier so etwas wie ein alchimistischer Prozess stattgefunden, um der Vergänglichkeit, dem „Erde“-Machen, zuzuschauen. Unser venezianischer Komposthaufen wurde am Ende auf dem Pavillongelände deponiert. Der Prozess Pflanze/Erde setzt sich fort, der Zerfall erzeugt Zeit – Zwischenraum und Zustand, wie letztlich jede Interpretation über diese Arbeit auch. Eine filmische Dokumentation von Michael Sprachmann ist gerade beim Fertigstellen.

Dieses Prinzip liegt ja auch dem „Käfig“ vor der Innsbrucker SoWi zugrunde. Mit anfänglich riesigen Protesten. Regt Ihre Art, Kunst zu machen, heute immer noch auf?

Lois Weinberger: Diese Art von Widerstand kümmert uns nicht weiter. Wildwuchs scheint Angst auszulösen, da etwas außer Kontrolle gerät. Interessant wäre es, zu überprüfen, wer und aus welchen Gründen diese Menschen sich aufregen. Doch was soll’s.

Aber als politischer Künstler muss es Ihnen doch wichtig sein, Bewusstseinsprozesse in Gang zu setzen.

Franziska und Lois Weinberger: Ein kritisches Denken sollte die Voraussetzung jeglicher öffentlichen Äußerung sein. Aber wir haben keine Mission zu erfüllen. Natur hat nichts mit allgemeinen Vorstellungen von Reinheit zu tun – so sehen wir die Kunst als Konstruktionen des Alltags, als taugliche Lebensmotoren. Letztlich liegt der Wert darin, die Kunst als Träger zur Bedeutungsentstehung zu sehen, die, über sie hinausweisend, in der Nichtvergleichbarkeit liegt.

An Ihren Anfängen in Tirol stießen Sie mit Ihrer Art von Kunst auf pures Unverstehen.

Lois Weinberger: In den Siebzigerjahren fiel wohl meine wichtigste Entscheidung, einen gesicherten Beruf zugunsten einer Künstlerlaufbahn aufzugeben. August Stimpfl, eine Künstlerpersönlichkeit, die ich außerordentlich schätze, organisierte entgegen manchen Widerständen so genannter Kunstfachleute meine erste Einzelausstellung. Es gab dann noch andere, etwa Theo Braunegger oder den Filmemacher Christian Berger, mit dem ich seit Beginn der 1980er-Jahre viel zusammengearbeitet habe. Parallel dazu hatte ich dann meine ersten Ausstellungen bei Ursula Krinzinger und im internationalen Kontext.

Muss ein Künstler aus Tirol weggehen, um überleben zu können? Materiell wie geistig?

Lois Weinberger: Im Mittelalter hieß es „... das Dorf ist Anpassung, die Stadt ist Schöpfung, in der es möglich ist, den Körper (das Haus) zum Geist zu bauen“. Vielleicht ist da immer noch etwas dran. Was unsere Arbeit betrifft, so sind wir nicht mehr land- oder ortsgebunden und könnten uns unter gewissen Vorzeichen durchaus vorstellen, nach Tirol zurückzukehren.

Auch im Moment herrscht wieder so ein Zustand allgemeiner Kunstfeindlichkeit. Wichtige Orte sterben oder werden von Provinzialität eingeholt. Woran liegt das?

Franziska und Lois Weinberger: Orte sind auch gewissen Wellenbewegungen unterworfen und es hängt sehr oft von politischen Einzelentscheidungen ab, in welche Richtung es gerade geht.

Sie sind in der Jury für die Landesaktion „Kunst im öffentlichen Raum“, die im Gegensatz etwa zu Niederösterreich sehr unbefriedigend vor sich hinköchelt.

Franziska Weinberger: In Tirol haben wir die adäquate Form für die „Kunst im öffentlichen Raum“ noch nicht gefunden, konnten aber trotz zähem Dahinfließen einige schöne Projekte realisieren, etwa das von Werner Feiersinger auf der Venetalm oder das der Gruppe Casati über die Vermessung der Freizeitbrachen. Was die Qualität der Einreichungen betrifft, so kann man ein künstlerisches Niveau nur erreichen, wenn es der Jury möglich ist, Künstler vorzuschlagen, wie es in Niederösterreich und auch international der Fall ist. Zudem sollte die Organisation autonom sein. Für mich als Jurorin ist es heuer in Tirol das letzte Jahr, ab Herbst bin ich für drei Jahre in die Jury für die public art Niederösterreich eingeladen und ich freue mich auf die neue Herausforderung.

Sie haben in den letzten Jahren oft durch Ihre Arbeiten im öffentlichen Raum auf sich aufmerksam gemacht. Lieben Sie das Kunstmachen in Räumen, die an sich oft kunstfern sind?

Lois Weinberger: Seit Anfang der Neunzigerjahre beschäftige ich mich mit Pflanzentrans- fers im urbanen Raum. Es können durch die Kunst Freiräume geschaffen werden, die immer neu erfunden und definiert werden müssen, sie sind Teil des künstlerischen Prozesses. Wir haben uns auch entschieden, die Einfriedung an der SoWi roden zu lassen. Zum einen kann nach zehn Jahren alles wieder von vorne anfangen und zum anderen sind Konzepte auch da, um über Bord geworfen zu werfen.

Das Gespräch führte Edith Schlocker

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